Erotikromane, Masochismus und Frauen

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Originalfassung von Angela C. Wild (2018):
https://notwhotheysayiam.wordpress.com/2018/02/01/erotic-fiction-masochism-and-women/

in Deutsche übersetzt von Anna Strom (2026)



“Feministinnen müssen sich vor jeglicher Schlussfolgerung hüten, die impliziert, dass das breite Publikum der Leserinnen von Liebesromanen entweder masochistisch oder von Natur aus dumm ist.” Alison Light, 1984*

Mit seinen skandalösen Sexszenen, der Propagierung von BDSM, dem gigantischen Marketing und der notorisch schlechten Prosa wurde der Erfolg der “Fifty Shades of Grey”-Bücher und -Filme sowohl als schockierendes neues Phänomen als auch als unerklärliches Ereignis beschrieben. Doch die Tradition erfolgreicher erotischer Romane aus der Feder von Frauen ist nicht neu. Im Jahr 1919 war das Buch “The Sheik” von der Autorin E.M. Hull, in dem es um die Entführung und Vergewaltigung einer westlichen Frau geht, die sich in ihren Entführer verliebt, ein riesiger Bestseller. Zwischen “The Sheik” und “Fifty Shades of Grey” liegen Jahrzehnte voller Bestseller aus den Liebesromanreihen von Mills & Boon und Harlequin..

Warum also haben Frauen so viel Gefallen an Liebesromanen? Im Laufe der Jahrzehnte wurden Millionen von Büchern geschrieben, veröffentlicht, verkauft und gekauft; sie wurden von Frauen aus allen Gesellschaftsschichten auf der ganzen Welt eifrig gelesen. Einige von ihnen wurden ihrerseits selbst Autorinnen und trugen so dazu bei, den anhaltenden Erfolg des Genres von einer Generation zur nächsten weiterzuführen. Wie lässt sich dieses Phänomen aus feministischer Sicht erklären?

Feministische Analysen, die auf dem Konzept “Das Persönliche ist politisch” basieren, sind die Linse, durch die ich dieses Thema betrachten werde, denn ich kann mir keinen Lebensbereich von Frauen vorstellen, der persönlicher und zugleich so hoch politisch ist. Wie MacKinnon feststellte, ist „Sexualität für den Feminismus, was Arbeit für den Marxismus ist: das, was am stärksten das eigene ist und einem doch am stärksten genommen wird“ (1991, S. 3). Dieser Essay wird untersuchen, inwiefern dies der Fall ist. Es besteht in der Tat „die Notwendigkeit, die tatsächlichen sexuellen Sehnsüchte der Frau zu ergründen, um zu verstehen, wie Macht und Begehren untrennbar miteinander verbunden sind“ (Treacher, 1988, S. 75). Die hier eingenommene Position wird sich jedoch von Freudschen Analysen und dem Poststrukturalismus distanzieren, da diese Theorien hauptsächlich dazu dienen, die Unterdrückung der Frau zu leugnen oder den Einfluss kultureller Erzeugnisse auf das Leben von Frauen herunterzuspielen. Diskussionen bezüglich der Natur romantischer und sexueller weiblicher Fantasien im Patriarchat, der Macht der Kultur bei der Beeinflussung des Verhaltens und der Sexualität von Frauen sowie der Wirkung des Textes auf die Leserin werden sowohl aus einer radikal-feministischen Perspektive als auch anhand meiner eigenen Reaktionen beim Lesen erotischer Literatur beleuchtet. Als Frau, die erfolgreich zur Heterosexualität erzogen wurde und diese abgelehnt hat, werde ich versuchen, ein kritisches Auge auf ein Thema zu werfen, das ich sowohl von außen als auch von innen erlebt habe.

Die Handlung klassischer Liebesromane ist bekannt: Eine junge, unerfahrene Frau, meist noch Jungfrau, begegnet einem Mann, dem Helden, der wohlhabender, älter und erfahrener ist als sie. Er verhält sich ihr gegenüber feindselig und sexuell aufdringlich. Sie mag ihn nicht, doch aufgrund verschiedener Umstände wird sie sich in ihn verlieben. Seine Feindseligkeit ihr gegenüber wird sich als Beweise dafür entpuppen, dass er sie schon immer geliebt und begehrt hat. Ihr beharrlicher Widerstand gegen seine sexuellen Annäherungsversuche wird ihn zu einem besseren, zivilisierteren Mann machen. Sobald dies geschieht, werden sie sich in einer leidenschaftlichen Umarmung ihre Liebe gestehen. Die Heldin wird daraufhin alle Pläne, die sie jemals hatte – falls es welche gab –, aufgeben, den Helden heiraten und ein häusliches Familienleben führen.

In ihrer ausführlichen Untersuchung der Mills & Boon-Romane beschreibt Jay Dixon, dass dieser Plot nicht immer die Grundlage von Liebesromanen war (1999). Anhand zahlreicher Arten von Handlungssträngen und Kategorien von Helden und Heldinnen sowie deren Wandel im Laufe der Jahrzehnte argumentiert sie, dass Liebesromane nicht immer rückschrittlich und patriarchal sind, wie es frühe feministische Kritik postulierte (Brownmiller, 1975. Greer, 2012). Da sich die Plots entsprechend der realen Lebenserfahrungen von Frauen weiterentwickelten, variierte die von Mills & Boon verbreitete Ideologie im Laufe der Zeit und förderte progressive und sogar feministische Ideen. Dixon argumentiert, dass in einigen Romanen die Heldin wohlhabender, älter oder stärker ist als der Held; oder dass die Heldin nach der Heirat mit dem Helden weiter arbeitet und dadurch mit der Tradition bricht. Ich würde argumentieren, dass diese Variationen in Wirklichkeit nur oberflächlich sind, die zentrale patriarchale Ideologie nicht in Frage stellen und somit keineswegs einen Bruch mit der Tradition darstellen. Die Ideologie, die in allen Liebesromanen zum Ausdruck kommt, bleibt nicht nur konsistent, unabhängig davon, ob sich die Handlung oder die Figuren ändern, sondern wird durch das Vorhandensein dieser Variationen sogar noch verstärkt: Die zentrale Ideologie, die von Liebesromanen propagiert wird, ist die Heterosexualität. In Liebesromanen wird wieder und wieder bekräftigt, dass eine Frau einen Mann braucht und ohne ihn nichts ist. Als beispielsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts Frauen in großer Zahl Zugang zum Arbeitsmarkt erlangten – zu einer Zeit, in der das Leben als alte Jungfer eine echte Bedrohung für das Patriarchat darstellte (Jeffreys, 1987) – bekräftigten die Liebesromane, dass selbst starke, berufstätige und finanziell unabhängige Frauen einen Mann brauchten. Während sich patriarchale Ideologien im Laufe der Zeit weiterentwickeln und einigen Forderungen der Feministinnen Rechnung getragen haben, ist der heterosexuelle Imperativ unverändert geblieben. Weit davon entfernt, die „vielfältigen Möglichkeiten von Frauen in der Gesellschaft“ (Dixon, 1999, S. 96) aufzuzeigen, behauptet jeder Liebesroman, dass jegliche Position, die Frauen in der Gesellschaft erlangt haben, irrelevant ist, solange sie keinen Mann an ihrer Seite haben.

Der erste Liebesroman, den ich gelesen habe, ist „Love Trap“ von Barbara Andrews (1982). Ich möchte ihn hier besprechen, weil er mich emotional am stärksten bewegt hat.

Der Einband ist cremeweiß mit einem goldfarbenen Rahmen; eine schwarz-rosa, geschwungene Kursivschrift verspricht „A Candlelight Ecstasy RomanceTM“, ein altrosa Zierbild in der Mitte zeigt einen Mann und eine Frau in einer traditionellen Pose heterosexueller Verführung: Der Mann, der die Frau überragt, zieht sie mit festem Griff an sich; er ist vollständig bekleidet. Die Augen der Frau sind geschlossen, doch ihre Lippen und Beine sind teilweise geöffnet; sie trägt ein Kleid, das einen Teil ihrer Beine und ihres Dekolletés enthüllt. Sie lehnt sich in einer Haltung völliger Hingabe nach hinten. Sie wartet auf ihn, während er im Begriff ist, den ersten Schritt zu machen. Der Kuss steht unmittelbar bevor. Die Zeit steht in Erwartung still; dies ist der Moment kurz bevor beide Protagonisten sich der von ihnen beiden ersehnten sexuellen Aktivität hingeben. Die sexuelle Passivität der Frau und die Dominanz des Mannes werden deutlich dargestellt. Er steht, sie sitzt; er ist aktiv, sie ist passiv; er ist bekleidet, sie ist teilweise entkleidet; er ist mächtig; sie ist verletzlich.

Das Titelbild ist ein klarer Ausdruck des Buchinhalts: 189 Seiten purer Liebesroman voller weiblicher sexueller Fantasien, die nicht einfach nur Romantik und Sex versprechen, sondern heterosexuelle Romantik und heterosexuellen Sex – beide so wie sie im Patriarchat konstruiert sind: als Erotisierung von Machtverhältnissen.

In der patriarchalen Sprache werden „Mann“ und „Frau“ durch genau jene Geschlechterstereotypen definiert, gegen die Feministinnen spätestens seit Mary Wollstonecraft protestieren. Diese Stereotypen schreiben vor, dass Männer stark, mächtig, dominant und sexuell aggressiv sein sollen, während Frauen unterwürfige, nette Sexualobjekte für das sexuelle Vergnügen der Männer sein sollen. Hier besteht eine sehr klare Dichotomie: dominant/unterwürfig. Die Schlüsselbegriffe zum Verständnis der Beziehung zwischen „Mann“ und „Frau“ in diesem patriarchalen Kontext sind „Macht“ und „Hierarchie“.

In Liebesromanen, so erklärt Coward, werde „die Macht der Männer verehrt“, ohne dass „diese Macht kritisiert wird“ (1984, S. 192):

„Die Eigenschaften, die diese Männer so begehrenswert machen, sind tatsächlich genau jene Eigenschaften, die Feministinnen zum Gegenstand ihres Spottes erkoren haben: Macht (das Verlangen, andere zu beherrschen), Privilegien (die Ausbeutung anderer); emotionale Distanz (die Unfähigkeit zu kommunizieren); und die ausschließliche Liebe zur Heldin (die Unfähigkeit, zu jemand anderem als dem/der Sexualpartner/in eine Beziehung aufzubauen)“ (1984, S. 192)

In „Anticlimax“ führt Jeffreys das Konzept der „Erotisierung von Unterordnung“ ein. Sie erklärt:

„Frauen mögen frei geboren sein, doch sie werden in ein System der Unterordnung hineingeboren. Wir werden nicht in Gleichberechtigung hineingeboren und verfügen über keine Gleichberechtigung, die wir erotisieren könnten. Wir werden nicht in eine Machtposition hineingeboren und verfügen über keine Macht, die wir erotisieren könnten. Wir werden in Unterordnung hineingeboren, und innerhalb dieser Unterordnung lernen wir unsere sexuellen und emotionalen Reaktionen.“ (1999, S. 302)

Mit anderen Worten: Was in der Heterosexualität (und auf dem Cover dieses Buches) erotisiert wird, ist die Macht des Mannes als Kontrast zur Machtlosigkeit der Frau. „The Love Trap“ ist ein perfektes Beispiel dafür.

Beim Lesen von „Love Trap“ habe ich zwei gegensätzliche Sichtweisen betrachtet. Einerseits identifizierte ich mich mit dem Helden und den Werten des patriarchalen Mainstreams, denen zufolge Heterosexualität normal, natürlich und erstrebenswert ist, und wünschte mir daher, dass der Held und die Heldin zusammenkommen; gleichzeitig identifizierte ich mich mit der weiblichen Protagonistin aus einer lesbisch-feministischen Perspektive, die Heterosexualität kritisch betrachtet und sie als System und Praktiken ansieht, die Frauen unterdrücken, und verstand daher die „Verführung“ der Heldin durch den Helden als Akt der Gewalt. Diese Auseinandersetzung war schmerzhaft und hat mich verwirrt und wütend zurückgelassen, doch in dem klaren Bewusstsein, dass ich emotional manipuliert wurde.

Aus feministischer Sicht liest sich „Love Trap“ wie eine klassische Erzählung von männlicher Gewalt gegen Frauen. Je gewalttätiger der Held gegenüber der Heldin wird, desto erotischer erscheint die Szene. Dawn, die Heldin, eine junge Sozialarbeiterin, fährt einen dreijährigen Jungen zu seinem Vater Evan, dem Helden, nachdem dessen Mutter das Kind verlassen hat. Die Umstände bei ihrer Ankunft zwingen sie, Evans Grundstück zu betreten, wo beide darauf warten, dass Evan nach Hause kommt. Evan, der niemanden erwartet und nicht weiß, dass er ein Kind hat, findet die beiden schlafend auf dem Sofa vor. Evans erste Handlung ist, Dawns Autoschlüssel zu stehlen, während sie schläft. Dawn wacht auf und sieht sich einem sehr wütenden und bedrohlichen Evan gegenüber, und von nun an wird das Klima erotisierter Angst den gesamten Roman durchziehen. Neben Entführung nutzt Evan verschiedene Strategien, um Dawn gefangen zu halten, darunter emotionale Erpressung, Manipulation, Nötigung, kontrollierendes Verhalten, Schuldzuweisungen, Verantwortungsumkehr, körperliche Drohungen, finanzielle Gewalt, körperliche Nötigung und sexuelle Gewalt. Obwohl all dies klassische Muster von Misshandlungen sind, die gewalttätige männliche Partner gegenüber ihren Opfern anwenden (ein Punkt, auf den sowohl Dines (2012) als auch Van Reenen (2014) in ihren Arbeiten zu „Fifty Shades of Grey“ hingewiesen haben), werden sie innerhalb der Erzählung normalisiert, romantisiert und erotisiert. Die gesamte Handlung ist ein klaustrophobisches Kammerspiel in Evans luxuriösem Anwesen, in dem Dawns Gemütszustand zwischen Ohnmacht, Verwirrung und Wut wechselt. Sie fürchtet sich vor Evan, sie hat Angst um sich selbst und das Kind, das sie mitgebracht hat. Evan verhält sich ihr gegenüber dominant, feindselig und sexuell aggressiv und droht ihr am zweiten Tag ihrer Gefangenschaft mit Vergewaltigung. Anschließend küsst er sie gewaltsam. Der sexuelle Übergriff ist für Dawn äußerst verwirrend; sie gesteht sich ein, dass sie den Kuss genießt, während sie den Mann hasst, und sie „hasst sich selbst für ihre Schwäche, die sie davon abhielt, sich gegen ihn zu wehren“ (Andrews, 1982, S. 33). Dies ist eine recht realistisch dargestellte Reaktion auf Gewalt, da Frauen, die Opfer von Vergewaltigung wurden, oft beschreiben, dass sie während des Übergriffs wie gelähmt waren und sich nicht bewegen konnten und sich selbst die Schuld dafür geben, dass sie sich nicht gegen ihren Angreifer gewehrt haben. Die Sprache der Autorin lässt keinen Zweifel an Dawns kolonialisiertem Zustand: „Es war, als würde etwas Fremdes ihren Körper bewohnen, das auf das unverhüllte Verlangen eines Mannes reagierte, den sie kaum kannte“ (Andrews, 1982, S. 33). Nach dieser gewalttätigen Episode mit stark erotischem Inhalt wird Dawn als zittrig beschrieben. Anstatt dies jedoch als Alarmzeichen zu betrachten, wird all das als romantisch, erotisch und als Beweis für ihr Verlangen und ihre Liebe für ihn dargestellt. Dawn zeigt erste Anzeichen des Stockholm-Syndroms, als ihre Freundin am Telefon anbietet, die Polizei zu rufen, und Dawn dies ablehnt. Die Freundin bemerkt, dass was Dawn sagt, „keinen Sinn ergibt“ (Andrews, 1982, S. 35). Evan hört das Gespräch natürlich mit. Da sie unter ständiger Beobachtung steht, ist Dawn stets auf der Hut, angespannt und unruhig. Er zeigt kleine Gesten der Güte – eine Voraussetzung für die Entwicklung des Stockholm-Syndroms – von denen jedoch keine Dawns Situation verbessert; doch da sie gefangen ist, zeigt sie sich dennoch dankbar dafür. Die sexuellen Übergriffe sind unaufhörlich. Sie wehrt sich körperlich. Sie ist innerlich hin- und hergerissen, weil sie ihn auch begehrt, aber die Möglichkeit von Sex erschreckt sie: „Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte sie echte, panische Angst“ (1982, S. 54). Evan wirft ihr vor, sie würde ihn nur aufgeilen wollen; es wird uns suggeriert, Dawn hätte die Kontrolle und wolle ihn zu ihren Bedingungen, wie es Dixon (1999) nahelegt, dabei ist es Evan, der das Spiel kontrolliert: Er bewegt sich auf seinem Terrain, sie ist gefangen und kann nicht entkommen, er initiiert alle sexuellen Kontakte, sie versucht, ihn zu besänftigen und ihm zu gefallen: Das Machtverhältnis fällt eindeutig zu seinen Gunsten aus. Er will sie nicht nur mit Gewalt körperlich besitzen, er will, dass sie sich ihm gänzlich unterwirft. Er verlangt ihre vollständige und uneingeschränkte Unterwerfung, mit Leib und Seele. Er wird ihre Grenzen auf jede erdenkliche Weise verletzen, bis sie zum Sex mit ihm einwilligt– woraufhin die erleichterte Leserin freudig erklären kann: „Sie hat eingewilligt! Es ist keine Vergewaltigung!“ Schließlich sieht das „Happy End“ eines Liebesromans immer die Unterwerfung der Heldin vor: Die Protagonistin wird heiraten.

Warum also fantasieren Frauen nicht nur von Unterwerfung, sondern schreiben auch darüber? Was bedeutet es für eine Frau, Ideologien zu entwickeln und zu verbreiten, die ihrer eigenen Befreiung zuwiderlaufen? Warum stellen sich Frauen sexuelle Gewalt als etwas Lustvolles vor? Warum lesen Frauen immer wieder Erzählungen, in denen ihre eigene sexuelle Unterwerfung verherrlicht wird?

Treachers ehrliches und persönliches Werk verspricht, sich „mit dem Ungeheuer auseinanderzusetzen“ (1988, S. 86), wie sie weibliche sexuelle Fantasien bezeichnet. Doch ihr Werk enttäuscht durchweg. Ihre Wortwahl zur Beschreibung sexueller Gewalt – „sexuelles Mobbing“ [“sexual bullying”] (1988, S. 86) – und ihre Identifikation sowohl mit männlichen als auch mit weiblichen Protagonisten zeugen von ihrer eigenen Verwirrung. Sie versteckt sich hinter psychoanalytischem Fachjargon, um stets vage zu bleiben: „Das Unbewusste ist unbewusst“ (1988, S. 74) und bleibt somit zwangsläufig unbekannt; ebenso wie unpolitisch. Sie setzt Fantasien nie in Beziehung zur realen Welt, in der sie tatsächlich stattfinden, und nähert sich nie dem Monster, das sie angeblich enthüllt.

Modelskin liefert einen ersten Ansatz für eine Erklärung: „Bei der Betrachtung von romantischen Fantasien haben wir festgestellt, dass sich hinter dem Wunsch, gewaltsam genommen zu werden, die Angst vor Vergewaltigung verbirgt“ (1984, S. 48). Radways Studie über Leserinnen von Liebesromanen liefert interessante Erkenntnisse über deren Wahrnehmung von Vergewaltigung. Auf die Frage nach sexueller Gewalt in Liebesromanen traf ihre Stichprobe eine „merkwürdige und künstliche Unterscheidung zwischen ‚gewaltvoller Überredung‘ (die von den Leserinnen toleriert wird) und ‚echten Vergewaltigungen‘“ (die nicht toleriert werden) (Radway 1984, S. 76). Dies zeigt, dass Frauen Vergewaltigung nicht als solche erkennen können, wenn sie in bestimmten Kontexten stattfindet: wenn sie romantisiert oder erotisiert wurde oder wenn sie nicht genau der patriarchal genehmigten Definition von Vergewaltigung entspricht: Vergewaltigung durch einen Fremden, Anwendung übermäßiger Gewalt oder Einsatz einer Waffe. Liebesromane schaffen diese Illusion oder bestärken Frauen darin: tatsächlich „fördern die Romane die ideologische Verwirrung hinsichtlich männlicher Sexualität und männlicher Gewalt und betonen gleichzeitig, es gebe kein Problem“ (Modelskin, 1984, S. 43).

Snitow liefert ein überzeugendes Argument, indem sie Liebesromane mit Pornografie in Verbindung bringt und sie in Anlehnung an Parisi als „die Pornografie für Menschen, die sich schämen, Pornografie zu lesen“ bezeichnet (Snitow, 1979, S. 254). Die Entwicklung von Liebesromanen hin zu deutlich expliziterem Material, wie es „Fifty Shades of Grey“ illustriert, ist ein Beleg dafür. Leider lässt Snitows Entscheidung, sich in Bezug auf Pornografie neutral zu positionieren, ihre Analysen unvollständig erscheinen. Wie bei anderen (Illouz, 2014) fehlt auch in Snitows Verständnis von Pornografie jegliche feministische Analyse. Pornografie ist lediglich gefilmter Sex, ein „universeller menschlicher Ausdruck“ (1979, S. 255). Doch basierend auf Inhaltsanalysen, Statistiken, Berichten von Überlebenden und den realen Verletzungen, die weiblichen „Darstellerinnen“ zugefügt werden, entpuppt sich Pornografie als eine Massenindustrie, die von der gefilmten und kommerzialisierten sexuellen Folter von Frauen zur sexuellen Unterhaltung von Männern profitiert. (Dworkin, 1981, Dines, 2010, Bray und Tankard Reist, 2011). Snitows Auffassung steht im Einklang mit erotischer Literatur und der patriarchalen Kultur im Allgemeinen – einer Kultur, die absichtlich und kontinuierlich Sex als Vergewaltigung und Vergewaltigung als Sex darstellt (Dworkin, 1982).

Radway (1984) stellt fest, dass Liebesromane vor allem von Frauen gelesen werden, die depressiv sind (ein Punkt, den auch Treacher und Dixon in Bezug auf ihre eigene Lektüre von Liebesromanen anführen). Es scheint, dass Frauen Liebesromane als eine Art Therapie nutzen, „billiger als Beruhigungsmittel, Alkohol oder Fernsehserien“ (Radway, 1984, S. 52): Keines dieser Mittel ist dafür bekannt, politisches Bewusstsein oder Revolution zu fördern. Diese Aussage legt nahe, dass Liebesromane vielleicht ein besonders interessanter Weg sind, eine zutiefst unzufriedene Bevölkerungsgruppe zu kontrollieren und zu beschwichtigen: Frauen.

Sowohl Walters als auch Light widersprechen der Auffassung, dass Liebesromane eine unterdrückerische Ideologie propagieren. Light erklärt, dass es eine Beleidigung für Frauen sei, ihnen die Fähigkeit abzusprechen, den Text selbst zu interpretieren. Walters argumentiert, dass der Lesevorgang nicht linear verlaufe, sondern die Leserin mit dem Text interagiere und daher die Bedeutung je nach Leserin„veränderbar“ sei. (1995, S. 8). Sie behauptet, dass „frühe feministische Medienforscherinnen eine fast verschwörungstheoretische Vorstellung von den Massenmedien hatten“ (1984, S. 35).

Es ist jedoch keine Verschwörungstheorie zu wissen, dass Medienunternehmen wie Mills & Boon in männlichem Besitz sind, oder festzustellen, dass die von den Medien und der Mainstream-Kultur propagierte Ideologie durchweg patriarchal und extrem frauenfeindlich ist. Es ist keine Verschwörungstheorie zu wissen, dass die von den Medien geschaffenen Bilder von Menschen jeden Geschlechts, jeden Alters, jeder ethnischen Herkunft und jedes sozialen Hintergrunds konsumiert werden, und festzustellen, dass diese Bilder einen Einfluss auf die Menschen haben, die sie betrachten. Einige Studien zu den Auswirkungen von Pornografie haben gezeigt, dass diejenigen, die Pornographie ansehen, dazu neigen, Gewalt zu erotisieren und die Gewalt, die Frauen in der Pornografie angetan wird, nicht als solche wahrzunehmen, weil sie lernen, daran Lust zu empfinden (Bridges, Ana, Wosnitzer, Scharrer, Sun und Liberman, 2010). Eine weitere Studie kam zu dem Ergebnis, dass Frauen, die Pornografie konsumieren, eher sexuelle Praktiken bevorzugen oder ausüben, bei denen sie unterwürfig sind und dabei die sexuellen Praktiken nachahmen, die Frauen in Pornografie angetan werden (Feng Sun, Wright, Steffen, 2017).

Daher muss der von Walters (1995, S. 29) beschriebene Wandel von „Bildern von Frauen hin zu Frauen als Bild“ als Abkehr von der radikalen Auffassung von „Frauen als Klasse“ verstanden werden, an dessen Stelle nun die einzelnen Frauen treten, die dem, was sie sehen, alle unterschiedliche Bedeutungen geben. Diese Auffassung ist ein Versuch, das Genie der zweiten feministischen Welle und deren Ansatz des Consciousness-Raising als Mittel zur Politisierung von Erfahrungen, die zuvor als persönlich und unpolitisch galten, zu demontieren. Dieses einst nützliche Instrument wird nun durch diese „Atomisierung“ der Frauen unbrauchbar gemacht (Mantilla, 1999). Wenn poststrukturalistische feministische Wissenschaftlerinnen behaupten, dass es keine Kategorie „Frau“ gebe, oder die Benennung jeglicher Machtstruktur als „Verschwörungstheorie“ verschmäht wird, muss dies als patriarchaler Backlash verstanden werden, der zur „Entpolitisierung des akademischen Feminismus“ führt (Waters, 1996, S. 296). Feministinnen haben die Postmoderne als Instrument des Patriarchats enttarnt, das die von unterdrückten Gruppen aufgedeckte Wahrheit bedeutungslos macht, unterdrückte Gruppen daran hindert, sich unter einem Banner zu versammeln, weil Begriffe wie „Frauen“ plötzlich ihrer Bedeutung beraubt werden, unterdrückte Gruppen daran hindert, sich politisch zu äußern, radikale feministische Theorie vereinnahmt, verwässert und umkehrt und so den gesellschaftlichen Wandel eher verhindert als fördert. (Christian, 1987; Spretnak, 1991; Brodribb, 1992; Mikhailovich, 1996; Waters, 1996; Mantilla, 1999).

Manche argumentieren, dass eine Kritik an Liebesromanen aus feministischer Sicht eine Form der Zensur sei: sie beschäme und bevormunde die Frauen, die sich dafür begeistern. Doch man kann einer Institution kritisch gegenüberstehen, ohne dabei bevormundend zu sein. Zu sagen, dass Frauen im Patriarchat unterdrückt und kolonialisiert werden, heißt nicht, dass Frauen dumm sind, es ist aber kaum zu leugnen, dass ein großer Teil der Frauen masochistische Fantasien oder Vergewaltigungsfantasien hat (Bivona, Critelli, 2015). Wir müssen politisch verstehen, warum dies der Fall ist, ohne beschuldigt zu werden, das Begehren von Frauen zu zensieren. Wenn das Persönliche tatsächlich politisch ist, dann gibt es nichts, was von einer feministischen Analyse ausgenommen ist. Das Begehren von Frauen im Patriarchat ist politisch: unser Begehren wird von der Welt geprägt, die uns umgibt; diese Welt ist männerzentriert und patriarchal, daher ist auch unser Begehren männerzentriert und patriarchal.

Dixon behauptet, Liebesromane seien feministisch, weil Frauen in den Handlungen dieser Romane das bekommen, was sie wollen (1999). Dixon untersucht jedoch nicht, was das genau ist, was Frauen wollen. Zu behaupten, dass das, was eine Frau wählt, per se feministisch ist, nur weil diese Wahl von einer Frau getroffen wird, ist keine politische Analyse, sondern eine Ausflucht vor der eigentlichen Frage mittels liberalem Individualismus.

Feministinnen haben schon vor langer Zeit betont, dass Ehe und Heterosexualität zwei der mächtigsten und tödlichsten Institutionen sind, die Frauen unterdrückt halten. Man kann Liebesromane nur dann als „Machtübertragung vom Mann auf die Frau“ verstehen, wie es Coward tut (1984, S. 195), wenn man der Überzeugung ist, dass Ehe und Heterosexualität für Frauen erstrebenswert sind. Wenn Frauen tatsächlich Macht erlangen, dann tun sie dies aus ihrer Situation der Gefangenschaft heraus, so wie ein Sklave etwas Macht über seinen Herrn besitzt.

Liebesromane sind sowohl ein Symptom als auch eine Ursache für die kolonialisierte Mentalität und das falsche Bewusstsein von Frauen im Patriarchat. Frauen verschlingen sie gierig, um der Realität ihres unerfüllten Lebens in der Heterosexualität zu entfliehen (Light, 1984). Ihr zwanghaftes Leseverhalten offenbart, wie ungeliebt und emotional vernachlässigt sie sind. (Modleskin, 1984) Sie glauben nicht nur an das „utopische Versprechen, dass Beziehungen zwischen Mann und Frau erfolgreich gestaltet werden können“ (Radway, 1987, S. 80), sondern vertrauen auch auf das Versprechen eines paternalistisch fürsorglichen Mannes, der ihnen Liebe und Aufmerksamkeit schenken würde. Sie haben akzeptiert, dass männliche sexuelle Gewalt nicht nur unvermeidbar, sondern begehrenswert ist, da sie ein Beweis für die Liebe und das Verlangen der Männer ist; sie haben ihre Sexualität als von Natur aus unterwürfig akzeptiert und lassen so Unterwerfung als Glück erscheinen.

Wenn Radway Recht hat, dass „ein gewisser Teil der [Liebesromane] nach wie vor von aufrichtigen, wohlmeinenden Menschen geschrieben wird, die selbst Konsumenten des Genres sind, in dem sie arbeiten, und tatsächlich Verfechter der Werte, die es verkörpert“ (1987, S. 68), dann haben die Frauen, die diese Erzählungen entwerfen, auch dieselben patriarchalen Werte verinnerlicht. Frauen haben sich nicht nur die Ideologie angeeignet, die unsere Unterwerfung sicherstellt, sondern sie sind auch zu Produzentinnen der patriarchalen Propaganda geworden, die für die nächste Generation von Frauen bestimmt ist.

* Alle Zitate wurden von der Übersetzerin übersetzt und entstammen keiner deutschen Fassung.


Quellenangaben

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